Bernhard Rein, ein Bildhauer in Erlangen

eine Ausstellung zum 70. Geburtstag

in der

Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg


1. Juli bis 1. August 2009

Kochstraße 4
91054 Erlangen
09131/85 24 791

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Donnerstag
und jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats
jeweils 14-17 Uhr


Ausstellung im Museum

Vom Wert der Verzierung

Skulptur von Matthias Rein Eine Durchsicht des bildhauerischen Schaffens von Bernhard Rein ergibt weit mehr 'abstrakte' als 'figürliche' Werke, wie man – falsch, aber allgemein verständlich – so zu sagen pflegt. Der Befund ist durchaus nicht selbstverständlich für einen Schüler der Bildhauerklasse von Hans Wimmer, einem ganz der figürlichen Plastik verbundenen Lehrer. Nicht weniger ungewöhnlich ist auch das bevorzugte Material, nämlich Stein, für den gelernten Holzschnitzer. Stochern im früheren Werdegang hilft da wohl nicht viel weiter, um diese Vorlieben zu erklären. Man wird schon eher hellhörig, wenn man erfährt, daß Bernhard Rein lange Jahre als Steinmetz, Bildhauer und Restaurator auf Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts, vor allem in Olympia, tätig war. Dadurch ist ihm die Bildsprache der antiken Kulturen Griechenlands im täglichen Umgang zur Selbstverständlichkeit geworden – und auf der Peloponnes liegt heute seine zweiten Heimat.

In der Antike aber waren Ornamente allgegenwärtig: Rankengeschlinge wucherten als Bauschmuck an Tempeln, sie bekrönten Bildstelen, sie rahmten aber genauso die Henkel antiker Tongefäße. Rosetten und Palmetten gab es von marmorner Wucht bis zu winzigsten Elfenbeinschnitzereien und in jedem Material. Flechtwerke überzogen die Altarschranken frühmittelalterlicher Kirchen genauso wie die Waffengürtel römischer Soldaten und geflochtene Knoten gehören zu den frühen Ornamenten der griechischen Vasenmalerei. Kurzum: schon immer hat der Mensch versucht, die Dinge, mit denen er sich umgab, durch Verzierungen zu gestalten. Dabei hat noch lange nicht jedes Ornament einen tieferen Sinn: oft ist eine Rosette eben nur ein schönes Blümchen, ein Muster im Hintergrund. Heutzutage haben wir all diese Verzierungen windschlüpfriger Funktionalität geopfert: sogar die Zierleiste aus Gummi, die den Lack unserer Automobile vor Beschädigung schützen soll, gibt es nur auf Wunsch und gegen Aufpreis. Die Welt wurde mit der Moderne erheblich nüchterner. Das erfasst auch die Kunst: heute ist das Wort "ornamental" in der Kunstkritik fast schon ein Schimpfwort.

Skulptur von Matthias Rein Genau dagegen setzt Bernhard Rein seine Werke. Dabei huldigen seine Plastiken keineswegs einer längst unwiederbringlich verflossenen – und doch nur vermeintlich heileren – Vergangenheit. Sie bedienen sich einer ganz und gar modernen Formsprache der gegenstandslosen Kunst. Sie sind meistens nicht abstrakt, also von etwas anderem abgeleitet, sondern Verschränkungen und Durchdringungen komplexer Geometrie. Ihren Reiz schöpfen sie aus dem Gegensatz weich fließender Formen in einem schroffen Werkstoff – eben Stein, der diese Formen normalerweise ebensowenig hervorbringt wie die glatt schimmernden Oberflächen. Dabei entsteht auch ein Wechselspiel zwischen der künstlich gestalteten Form und der natürlichen Farbe wie Beschaffenheit der verwendeten Steinart.

Es ist bezeichnend, daß die meisten dieser Skulpturen keine Titel tragen: das haben sie auch nicht nötig. Sie sind keine Bildrätsel, die es zu entschlüsseln gilt, sondern sie bieten den Augen oder den Fingern eine unmittelbare Erfahrung. Sollte doch einmal ein Wortspiel eingefangen sein, steht es in der Regel – in Stein gemeißelt – drauf.
So sind die Skulpturen von der Hand Bernhard Reins würdige Nachfahren der antiken Ornamente; sie begleiten den Menschen, der sich damit umgibt, in einer ansonsten schmuckloser werdenden Welt. In diesem Sinne ist "ornamental" sicher nicht "banal", das Gegenteil davon aber bleibt: kahl.


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