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- Der "Palast des Nestor" in Pylos -

Pavillon

"Palast des Nestor" nach Piet de Jong
"Palast des Nestor" nach Piet de Jong

Die Grabungen C. Blegens auf einem Hügel nahe Pylos in Messenien förderten eine mykenische Palastanlage zutage, die durch ihren Reichtum an Funden und befunden nahezu einmalig erscheint. Leider sind die erhaltenen Mauerreste im Vergleich zu den gewaltigen Anlagen in Tiryns oder Mykenen alles andere als spektakulär; wie der sogeannte "Palast des Nestor" in der Antike wohl ausgesehen haben mag, erschließt sich nur den wenigsten Besuchern heute. Mit der Grabungspublikation 1966 wurden jedoch auch zwei Zeichnungen Piet de Jongs veröffentlicht, die durch ihre Anschaulichkeit diesem Misstand abhelfen. Bis heute unendlich oft reproduziert, haben sie wie kaum eine andere Abbildung unser heutiges von den Bauten des zweiten Jahrtausends v. Chr. geprägt.

Überall ein zweites Stockwerk?

Das Vorhandensein von insgesamt 3 Treppenanlagen beweist die Zweigeschossigkeit der Anlage. Allerdings muß dies nicht bedeuten, dass gesamte Anlage – etwa ähnlich moderner mehrgeschossiger Flachdachbauten – über ihre gesamte Ausdehnung mit einem oberen Stockwerk versehen war. Zumindest theoretisch muss zudem erwogen werden, dass Treppenanlagen auch einfach einen Zugang zu Dachterassen, Balkons oder dergleichen gewähren können. In den folgenden Bildern sind mit dem Versuch einer neuerlichen Rekonstruktion die einzelnen Bereiche des Palastes aufgegliedert und durch unterschiedliche Farben an den Dachkanten markiert: Grüne Kanten kennzeichnen Gebäudeteile und Anbauten, die nicht zwingend ein oberes Stockwerk erfordern oder bei denen dies sogar eher unwahrscheinlich erscheint. Blau gibt diejenigen Teile ein, in denen durch das Vorhandensein von Treppen ein Obergeschoss zumindest wahrscheinlich ist. Rot bezeichnet Räume, von denen eine größere lichte Raumhöhe zu erwarten ist. Dies ist für alle Räume anzunehmen, die mit Säulen oder Herdanlagen ausgestattet sind, so die beiden Megara und die Toranlage.

"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses
"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses
"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses

"Palast des Nestor", Video der neuen Rekonstruktion des Obergeschosses

Videorekonstruktion

MPG (1,5 MB) AVI (4,8 MB) MOV (4,8 MB)



Wie unten, so im oberen Stockwerk?

Es scheint auffällig, dass alle Gebäudeteile, die höchstwahrscheinlich über ein zweites Stockwerk verfügen, sich mit mindestens einer Wand an die zentralen Bereiche mit vergrößerter Deckenhöhe anlehnen. Die eigentlichen Treppenanlagen sind davon jedoch immer durch einen Gang getrennt, einige der Treppenläufe weisen sogar von diesen Bereichen weg. Deshalb bleibt zu vermuten, dass diese zentralen Räume selbst kein oberes Stockwerk besitzen. Es ist desweiteren anzunehmen, dass die Obergeschosse bronzezeitlicher Anlagen ganz allgemein nicht stur die Aufteilung des Erdgeschosses wiederholen, sondern über eine ganz andersartige, weitläufigere und lichtere Raumaufteilung verfügen können. Deshalb sind hier in der Rekonstruktion die oberen Stockwerke im Inneren nur dann unterteilt, wenn sich dies im Grundriss des Gebäudesockels abzeichnet; es scheint naheliegend, dass Vor- und Rücksprünge in der Fassade auch Auswirkungen auf die Außenkanten der Dächer haben. Die Ostfassade von Pylos besitzt einen älteren – in der Rekonstruktion dunkelgrau gehaltenen – Bereich, der stark untergliedert ist; setzt man diese Gliederung nach oben fort, so scheint sich dort eine Flucht nebeneinander liegender größerer Räume abzuzeichnen.

"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses
"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses
"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses

"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses
"Palast des Nestor", neue Rekonstruktion des Obergeschosses

Über die einzelnen Formen der Fenster und ihre Verteilung nichts bekannt. Deshalb wurden in der Rekonstruktion drei generalisierte Typen von Fenstern eingefügt, die folgende Bedeutung haben: vergitterte Fenster bedeuten Lichtdurchlässe im Erdgeschoss, die wohl nicht allzu groß gewesen sein können. In den Obergeschossen sind normale rechteckige Fenster sowie mit einer Mittelsäule geteilte Öffnungen eingefügt, um weitläufigere offenen Fronten anzulegen. Die einzelnen Formen von Brüstungen, Fenstern und Dächern sind an das – zeitlich ältere – bronzezeitliche Hausmodell von Archanes auf Kreta angelehnt, erheben aber keinen Anspruch auf eine ohnehin nicht beweisbare Detailtreue.

Wohin mit dem Rauch?

Die Ausgräber von Pylos haben im Hauptraum des Palastes Reste riesiger Tonröhren gefunden, die vermutlich als Rauchabzug gedient haben könnten. Die Verbindung von Rauchabzug oberhalb einer auch sonst üblicherweise rekonstruierten Dachlaterne mit weiten Fensteröffnungen ist aber funktional schwerlich zu begründen und in sich widersprüchlich, zumal diese Rekonstruktion zudem von einem galerieartigen Obergeschoss im Megaron ausging, das ebenfalls Fensteröffnungen besitzen sollte. Ein Abziehen des Rauches vom kreisrunden Herd wäre nachhaltig unterbunden. Kreisrunde kaminähnliche Öffnungen sind von zwei tönernen Hausmodellen – aus Chanial Tekke wie einem weiteren Modell aus Archanes – bekannt; sie sitzen direkt auf dem Flachdach auf. Diese Bauform wurde in die Rekonstruktion hier übernommen, während die Anzahl der Rauchabzüge an die Vermutungen der Ausgräber angelehnt ist.

"Palast des Nestor" nach Piet de Jong

"Palast des Nestor", Rekonstruktion des Rauchabzugs
"Palast des Nestor", Rekonstruktion des Rauchabzugs

Über die eigentliche Aussehen der Dächer selbst ist wenig bekannt. Allerdings deutet das Fehlen von Dachziegeln im Fundmaterial von Pylos darauf hin, dass Ziegeldeckungen eher unwahrscheinlich sind, die bei den riesigen Dachflächen sicher einen ganz erheblichen und kaum zu übersehenden Anteil an den Funden ausgemacht hätten. Alle bildlichen Darstellungen minoischer wie mykenischer Gebäude, sei es auf Siegelringen und Schmuck, Gefäßen, in der Wandmalerei, als Tonplakette oder im dreidimensionalen Modell besitzen Flachdächer. Sie sind hier in die Rekonstruktion als Schema übernommen, ohne im Detail auf deren Konstruktionsweise einzugehen.

Im Inneren des Palastes

Die hier vorgetragenen Überlegungen führen zu einer Rekonstruktion, die durch die unterschiedlichen Traufhöhen der Räume wie die wechselnde Anzahl der Stockwerke zu einem stark gegliederten Gebäudekomplex führt. Mykenische Palastanlagen sind "Aglomeratbauten", also vielgliedrige Anlagen, an die immer wieder neue Bereiche angebaut werden können. In Pylos wurden nicht nur nachträglich Magazine angefügt, durch die Anlage von Megaron und Torbau an einen älteren Palastteil wurde die gesamte Ausrichtung um 90 Grad gedreht. Erst dadurch ist das Gebäude in der hier vorgestellten Form erst entstanden.
Bei den Bildern wurde auf die Wiedergabe der verputzten und bemalten Wandflächen und gemusterte Böden verzichtet. Rote Türlaibungen und Säulen sollen darauf nur hinweisen, erheben aber wie die Farbauswahl keinen Anspruch auf Detailtreue; im einzelnen bedeutet die gelbe Tönung immer einen Fußbodenbereich, die beige eine verputzte Wandfläche. Die blassroten Streifen geben die Position von Zwischendecken und Dachauflagen wieder.

"Palast des Nestor", Rekonstruktion der Innengestaltung

"Palast des Nestor", Rekonstruktion der Innengestaltung
"Palast des Nestor", Rekonstruktion der Innengestaltung

"Palast des Nestor", Rekonstruktion der Innengestaltung
"Palast des Nestor", Rekonstruktion der Innengestaltung

"Palast des Nestor", Video der Rekonstruktion der Innengestaltung

Videorekonstruktion

MPG (1,5 MB) AVI (4,5 MB) MOV (4,5 MB)



Die hier vorgestellten Zeichnungen sind als erste Diskusssionsgrundlage gedacht, um ein entsprechend genaueres Bild dieses Palastes mit der Zeit zu entwickeln. Deshalb sind alle Arten von Diskussionsbeiträgen erwünscht.

Martin Boss, den 9. September 1997

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