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Edition des Bestandes an Münzen der FAU als Datenbank im WWW

Geschichte und Forschungsstand der Münzsammlungen der FAU

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg besitzt, obwohl bislang weniger bekannt, eine der umfangreichsten Münzsammlungen an Universitäten im deutschsprachigen Raum überhaupt. Ihre traditionsreichen Bestände umfassen neben den Sammlungen Will und Gerlach, Sinugowitz und der Ilse und Ulrich Zwicker Stiftung in der UB auch die Sammlung Heerdegen in der Antikensammlung.

Anknüpfungspunkte für die Zukunft

Die wissenschaftliche Bearbeitung mit einem zusätzlichen Schwerpunkt auf die werkstoffkundliche Analyse ist ein Alleinstellungsmerkmal der Erlanger Münzsammlungen und liegt in der Person von Prof. U. Zwicker begründet, der zur Gründergeneration der 1966 gestarteten Technischen Fakultät und des neuen Studienganges Werkstoffwissenschaften gehörte.

Abb. 2: Stater aus Metapont, Sammlung Heerdegen Nr. 19

Abb. 2: Stater aus Metapont

Sammlung Heerdegen Nr. 19:
Schnitt des 3-D Modelles. Die notwendige genaue Ausrichtung der Stempel zueinander setzt ein Führung ähnlich einem Fallwerk voraus.

Die Vorlage eines solch umfangreichen Bestandes wie den der Münzsammlungen der FAU mit zeitgemäßen Mitteln ist nur als digitale Datenbank vorstellbar. Aus diesem Grunde hat sich die FAU, Antikensammlung wie UB, dem Forschungsprojekt NUMiD angeschlossen. Zudem hat sich an der FAU eine Arbeitsgruppe der Sammlungen gebildet, die das WissKI-Datenbanksystem als Virtual Research Environment (VRE) verwendet, einer eigens an der FAU entwickelten Plattform zur Datenerfassung für wissenschaftliche Belange. Mithilfe einer hierarchisch strukturierten Ontologie, dem „Comité international pour la documentation Conceptual Reference Model” (CIDOC CRM) des „International Council of Museums” (ICOM), kann jedem Datensatz seine Bedeutung maschinenlesbar hinterlegt werden. Hierdurch werden die so erfassten Daten im Sinne des Semantic Web kompatibel für die Anforderungen der Open Linked Data.

Beispiele neuer Untersuchungsmethoden und deren Folgen

3-D Scans vermögen genaueren Aufschluß über die angewendeten handwerklichen Verfahren der Antike zu geben (Abb. 1-4). So läßt sich ausschließlich im digitalen Modell zerstörungsfrei ein ganzes Bündel grundsätzlich verschiedener und zum Teil mehrstufige Vorgehensweisen scheiden, die alle Bereiche der Herstellung einer Münze vom Guß der Schrötlinge bis zum Prägevorgang umfassen. Sie offenbaren erhebliches handwerkliches Wissen, ein hohes Maß an Übung gepaart mit Meisterschaft in der Metallbearbeitung. Zudem lassen sich Informationen wie die Dicke der Münze im Verhältnis zu den Bildseiten oder die Stellung der Stempel (Abb. 5) wie auch ihre Lage zueinander in allen drei Raumdimensionen unmittelbar verbildlichen.

Digital aneinandergefügte Bilderserien aus dem Rasterelektronenmikroskop wie auch gleicherart gewonnene Bilder aus der Rückstreuung der Elektronen (Abb. 6) können Dichteunterschiede in Metall des verarbeiteten Schrötlings enthüllen. Dieses Verfahren ist derzeit in der Erprobung und liefert verläßliche Ergebnisse bislang nur bei römischen Denaren mit einer relativ geringen Reliefhöhe der Prägung und planar zueinanderstehenden Stempeln.

Abb. 4: Denar des Gaius Julius Caesar, Sammlung Heerdegen Nr. 282

Abb. 4: Denar des Gaius Julius Caesar

Sammlung Heerdegen Nr. 282:
Schnitt des 3-D Modelles. Maschinengestützter einstufiger Prägevorgang in einer Presse.

Sie zeigen aber heute schon, daß durch die Wiederverwendung von Altsilber als Rohmaterial für die Schrötlinge von Schmelzen mit Fremdmetallanteilen auszugehen ist, die bei der Erstarrung zu inhomogenen, mehrphasigen Gefügen führten.

Konsequenzen für eine online-Edition der Münzbestände der FAU

Um diese rechnergestützten Visualisationen wie die Materialanalysen online verfügbar zu machen, muß gegenüber der bisher gebräuchlichen Darstellungsweise zunächst der Bereich der bildlichen Dokumentation erheblich erweitert und durch einen Downloadbereich ergänzt werden.

In einem nächsten Schritt sollten das Bild und die erweiterten Daten als eigenständige Informationsträger erkannt und erfasst werden, und nicht – wie bisher – darauf limitiert sein den textbasierten Eintrag zu belegen.

Da Suchanfragen bislang ausschließlich die qualitativ-hermeneutisch bestimmten und verschlagworteten Einträge durchsuchen, ist man damit von von der Qualität der Inventareinträge abhängig; eine Überprüfung auf Vollständigkeit und Richtigkeit ist dabei genauso wenig gewährleistet wie die Falsifizierbarkeit der Suchergebnisse. Nur eine Erfassung des tatsächlichen Inhalts der digital vorliegenden Informationen ermöglicht eine Befreiung von der ausschließlichen Abhängigkeit der Verschlagwortung. Dies könnte durch eine Ähnlichkeitssuche in den Bilddateien selbst geschehen, eine Funktion, wie sie heute schon auf den bildbasierten Plattformen der Social-Media wie Pinterest oder Suchmaschinen wie bei Google angeboten wird. Ähnliches gilt für die Bereitstellung und die Durchsuchbarkeit der Meßprotokolle der Metallanalysen nach ähnlichen Materialkombinationen und Legierungen. Zudem ist die Bereitstellung aller Rohdaten, seien sie aus einer werkstoffkundlichen Analyse oder einer optischen Erfassung gewonnen, im Sinne einer überprüfbaren wissenschaftlichen Transparenz geboten.

Abb. 6: Denar des Gaius Julius Caesar, Sammlung Heerdegen Nr. 282

Abb. 6: Denar des Gaius Julius Caesar

Sammlung Heerdegen Nr. 282:
Vorderseite als Mosaik aus Bildern der Elektronenrückstreusonde.

Natürlich wird ein Schwerpunkt in der Erfassung der Münzen auch weiterhin auf einer geregelten Erfassung der Münzen nach gleichbleibenden Kriterien, die in eine entsprechende Verschlagwortung münden. Schon aus Gründen der Kompatibilität innerhalb der einzelnen Einrichtungen und Sammlungen der FAU ist der Einsatz der Wissenschaftlichen Kommunikationsinfrastruktur (WissKI) geboten, einer eigens an der FAU entwickelten Plattform zur Datenerfassung für wissenschaftliche Belange. Die in die WissKI eingegebenen Daten werden nicht relational erfasst, wie es oft bei der Erstellung von Datenbanken üblich ist, sondern in sog. Tripeln. Mithilfe einer hierarchisch strukturierten Ontologie, dem „Comité international pour la documentation Conceptual Reference Model” (CIDOC CRM) des „ International Council of Museums” (ICOM), kann jedem Tripel-Datensatz seine Bedeutung maschinenlesbar hinterlegt werden. Hierdurch werden die so erfassten Daten im Sinne des Semantic Web kompatibel für die Anforderungen der Open Linked Data; Datenbanken verschiedenster Institutionen können so weltweit verzahnt werden und ermöglichen Ausgaben auf Suchanfragen über eigenen Sammlungsgrenzen hinaus.

Vorarbeiten und ein Pilotprojekt zur 3-D Modellierung von Münzen und zur Materialanalyse mittels EPMA wurden ab 2011 durch eine Finanzierung der Dr. German Schweiger Stiftung unterstützt und in Zusammenarbeit mit der Breuckmann 3D Engineering Meersburg (jetzt Aicon 3D-Systems) durchgeführt. Die Ergebnisse daraus wurden im Rahmen der EVA-Konferenz Berlin 2012 vorgelegt.

Publikationen

  • M. Boss, B. Breuckmann, M. Göbbels, Auf der Spurensuche des Handwerks zum Prägen antiker Münzen unter Einsatz von höchstaufgelösten digitalen 2D- und 3D-Modellen. In: Konferenzband EVA 2012 Berlin Elektronische Medien & Kunst, Kultur, Historie, 7. – 9. November 2012, 19. Berliner Veranstaltung der internationalen EVA-Serie Electronic Imaging & the Visual Arts (2012) 73-78.
  • M. Boss, A. Murgan, F. Bauer, M. Göbbels, Grundsätzliche Überlegungen zur Edition des Bestandes an Münzen der FAU als frei zugängliche Datenbank im WWW, Magazin für digitale Editionswissenschaften 3, 2017, 7-19.

Das Projekt wir seit dem 7. November 2016 durch das BMBF über die DLR im Rahmen „eHeritage”-Förderprogrammes unterstützt.

Verantwortlich

Projektleitung: Dr. Martin Boß
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Andreas Murgan M.A.
in Zusammenarbeit mit der UB der FAU, Handschriftenabteilung

Kooperationen


Update: Fallbeispiel einer Didrachme aus Gela

Unter der Nummer Z 406 liegt unter den Beständen der Sammlung von Ulrich Zwicker die ungewöhnliche Münze einer Didrachme aus Gela, die nicht aus massivem Silber besteht, sondern aus einem subaeraten Kern mit einer dünnen, erstaunlich reinen silbernen Plattierung. Die RFA Analyse läßt zudem einen nur wenig durch Eisen und Blei verunreinigten Kupferkern erkennen, auf dem in zwei Schichten das Silber aufgebracht ist. U. Zwicker hat aufgrund des mikroskopisch beobachteten eutektischen Erstarrungsgefüges geschlossen, daß dies bei Temperaturen oberhalb von 750° Celsius geschehen sein muß; das wäre aber noch deutlich unterhalb des eigentlichen Schmelzpunktes von Silber bei 962° Celsius. Der Herstellungsprozess ist heute wohl am ehesten mit einer Pulverbeschichtung zu vergleichen.

Welche Folgen hat eine solche Beobachtung für die Deutung der Münze?

Bislang wird die Existenz solcher Münzen zumeist mit Notlagen begründet, in denen ein Mangel an Edelmetall ausgeglichen werden mußte. Die Materialanalysen legen dagegen aber ein sehr aufwendiges Verfahren nahe, das nur durch Meister der Metallverarbeitung durchgeführt werden konnte: Goldschmiede etwa, die mit den verschiedensten Aufschmelztechniken wie der Granulation und deren Tücken vertraut waren und die das Schmelzverhalten der verschiedenartigen Metalle durch Flußmittel zu lenken wußten. Dies würde wiederum bedeuten, daß der scheinbaren Minderwertigkeit der im Kern unedlen Münze ein schwer zu beherrschendes und entsprechend teures handwerkliches Verfahren gegenübersteht. Gerade dieser Aufwand aber hebt diese Münzen von denen der Nachbarn Gelas ab. Sie dürfen deshalb wohl als frühe und überaus fortschrittliche Beispiele dafür gelten , daß hier bewußt nicht der Materialwert des Silbers, sondern ausschließlich der durch zwei Punkte angegebene Nominalwert galt. Dies aber kann nur ein selbstbewußtes und prosperierendes Gemeinwesen garantieren.